Geschichte des Instituts

für Romanische Philologie

(heute: Neuphilologisches Institut/Romanistik)


 

 


von
Robert Fajen

Bis 1970 befand sich das Seminar für Romanische Philologie im "Hexenturm" (Zwinger 32)

 

 

1. Von den Anfängen bis 1933[1]

Im Vergleich zu den beiden anderen bayerischen Universitäten München und Erlangen etablierte sich das Fach Romanistik im 19. Jahrhundert in Würzburg nur zögernd. Nachdem zu Beginn des Jahrhunderts vereinzelt Sprachunterricht (Französisch, Italienisch, Spanisch) angeboten worden war, wurde nach mehreren gescheiterten Anlaufversuchen 1874 eine Professur für romanische und englische Philologie eingerichtet. Erster Inhaber war Eduard Mall (1843-1892), der gleichermaßen die Sprachen und Literaturen Englands und der Romania zu unterrichten hatte; sein Forschungsinteresse galt vor allem der provenzalischen Dichtung. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten – Mall klagte wiederholt über Hörermangel – wurde im Wintersemester 1892/1893 das „Seminar für romanische und englische Philologie“ gegründet, das mit einem auch für damalige Verhältnisse bescheidenen Jahresetat von 200 Mark ausgestattet war. Nach Malls frühem Tod wurde der Schweizer Mediävist Jacob Stürzinger (1853-1902) auf den Würzburger Lehrstuhl berufen. Die hohe Arbeitsbelastung, die der Unterricht in zwei Philologien mit sich brachte, führte dazu, daß der sensible Stürzinger immer wieder schwer erkrankte und im Alter von nur 49 Jahren in einer Nervenheilanstalt starb.

Erst 1902 erfolgte die von Mall und Stürzinger mehrmals geforderte Aufteilung in ein englisches und ein romanisches Seminar. Der erste Würzburger Professor, der nur noch romanische Philologie lehrte, war der Elsässer Heinrich Schneegans (1863-1914), der zu den fortschrittlichsten Romanisten seiner Generation zählte: Unter anderem setzte er sich dafür ein, daß Frauen zum Studium und zur Promotion zugelassen wurden, und als einer der ersten seines Fachs stellte er die Forderung, daß eine zeitgemäße Romanistik sich nicht nur mit den Literaturen des Mittelalters, sondern auch mit denen der modernen Epochen beschäftigen sollte[2]. Ab 1906 unterrichteten am Würzburger Seminar auch hauptamtliche muttersprachliche Lektoren, so daß die Sprachausbildung nicht mehr allein in den Händen des jeweiligen Professors lag. Auf Schneegans, der 1908 nach Bonn berufen wurde, folgte mit Karl Vossler (1872-1949) einer der bedeutendsten deutschen Romanisten des 20. Jahrhunderts. In den zwei Jahren, in denen er in Würzburg lehrte, verfaßte Vossler unter anderem sein Buch Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung[3]. Vosslers Nachfolge – er war 1910 nach München gewechselt – trat Walther Küchler (1877-1953) an, der bis 1922 in Würzburg wirkte. Von 1922 bis 1929 hatte Arthur Franz (1881-1963) die Würzburger Professur inne; 1929 folgte ihm schließlich Vosslers Schüler Adalbert Hämel (1885-1952) nach, dessen Schwerpunkt in der Forschung vor allem auf dem Gebiet der spanischen und französischen Literatur lag.

 

2. Das Würzburger Seminar für Romanische Philologie im „3. Reich“

Zu Beginn der 30er Jahre entstand am Würzburger Seminar einer der bedeutendsten mediävistischen Beiträge der Romanistik in der ersten Jahrhunderthälfte: 1934 habilitierte sich Wilhelm Kellermann (1907-1980) mit seiner wegweisenden Abhandlung über Aufbaustil und Weltbild Chrestiens von Troyes im Percevalroman[4].

Diesem wissenschaftlichen Glanzpunkt steht indes die „geistige Kapitulation“ der deutschen Universitäten vor den neuen Machthabern gegenüber[5], die sich auch in Würzburg beobachten läßt. Dabei ist zunächst festzustellen, daß die zwischen 1933 und 1945 angebotenen Vorlesungen und Seminare stets „neutrale“ Themen zum Gegenstand hatten, daß also auch in Würzburg der für die deutsche Romanistik symptomatische Rückzug in historische, politisch scheinbar unbelastete Fragestellungen stattfand. Der größte Teil der zahlreichen Dissertationen, welche Hämel in den 30er Jahren betreute, erscheint ähnlich unpolitisch; doch zeigen die Ausnahmen von der Regel, in welchem Maße sich der wissenschaftliche Diskurs nach und nach der herrschenden Ideologie anzupassen vermochte.

Noch 1932 hatte Hämel zwei jüdische Studenten dazu angeregt, die zwiespältige Haltung der französischen Aufklärung sowie der sozialistischen und romantischen Literatur gegenüber den Juden kritisch zu beleuchten. Die Arbeit Cuno Ch. Lehrmanns (1908-1977) über Das Humanitätsideal der sozialistisch-romantischen Epoche Frankreichs und seine Beziehung zur Judenfrage nahm Hämel in die von ihm betreuten „Beiträge zur Kultur der Romania“ auf (Heft 9)[6]; Hermann Sängers (1909-1971[7]) Dissertation Juden und Altes Testament bei Diderot wurde 1933 in Wertheim gedruckt. Lehrmann, nach dem Krieg Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Berlin, wurde 1967 Honorarprofessor an der Universität Würzburg. In seiner Antrittsvorlesung erinnerte er sich an Hämel und die „humane Atmosphäre, fern jedem Rassismus“, die er zu Beginn der 30er Jahre am Würzburger Seminar erlebt hatte[8].

Einige Jahre später hob Adam Schwarz in seinen Studien zum Fortschritts- und Humanitätsgedanken in der französischen Romantik von 1935 die pazifistische Haltung Lamartines und Vignys gegenüber Hugos „chauvinistischen“ Positionen zwar lobend hervor; Lehrmanns Arbeit ließ sich aber anscheinend nur noch verdeckt in zwei Fußnoten zitieren (S. 7/20 u. S. 32/9): Weder wird ihr Titel genannt noch erscheint sie im Literaturverzeichnis. Doch immerhin wurde noch im gleichen Jahr der spätere Landesrabiner Leo Trepp mit einer Arbeit über "Taine, Montaigne, Richeome. Ihre Auffassungen von Religion und Kirche" promoviert. Die allmähliche Anpassung der Würzburger Romanistik lässt sich erst im Jahr 1938 beobachten, in Gertrud Brandners Dissertation mit dem Titel C. F. Ramuz, der Dichter des Waadtlandes. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte der französischen Schweiz. Hier ist ein gazes Kapitel dem „Rassegedanken“ bei Ramuz gewidmet, und es wird erklärt, daß sich „in Deutschland der Rassengedanken [sic] zu einer gesetzmäßig begründeten und sorgfältig ausgebauten Wissenschaft“ entwickelt habe, „die auf tausend Wegen ins Volk geleitet und zur Grundlage der Lebensauffassung werden soll“ (S. 35) – die Arbeit schließt mit den Worten „Blut und Boden“ (S. 113).

Hämels Lebensweg zwischen 1933 und 1945 spiegelt diese zunehmende Anpassung wider, die in seinem Fall wohl immer in Widerspruch zu seinen konservativen, der Toleranz verpflichteten Anschauungen stand: Katholisch geprägt und – wie oben dargelegt – keinesfalls Antisemit, war er von 1923 bis 1933 Mitglied der „Bayrischen Volkspartei“ gewesen, 1933 in den „Stahlhelm“ eingetreten und 1934 in die SA-Reserve übergewechselt, aus der er 1937 „ehrenvoll“ ausgeschieden war[10]. Noch im gleichen Jahr trat er der NSDAP bei[11]. 1940 wurde er Dekan der philosophischen Fakultät; später stieg er zum Prorektor der Universität auf. Doch als Hämel im Januar 1945 als Rektor vorgeschlagen wurde, erschien er der Partei wegen seines Katholizismus für diese Funktion nicht geeignet[12]. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP und seine verantwortungsvolle Stellung führten im Sommer 1945 dazu, daß er im Zuge der „Entnazifizierung“ entlassen wurde[13]. 1948 wurde dieses Urteil freilich wieder aufgehoben: Capitaine René Schneider, Entnazifizierungsoffizier der französischen Zone, bestätigte in einem Gutachten Hämels distanzierte Haltung gegenüber dem NS-Regime und wies unter anderem darauf hin, daß dieser am Würzburger Seminar wiederholt für die Freiheit der Wissenschaft und die Verständigung der Völker eingetreten sei[14]. 1949 erhielt Hämel einen Ruf nach Erlangen, wo er 1952, kurz nach seiner Wahl zum Rektor, starb.

Das Neuphilologische Institut / Romanistik
heute


 

3. Von 1946 bis heute

Im Sommersemester 1946 wurde an der Universität Würzburg der ordentliche Lehrbetrieb wieder aufgenommen. Als Hämels Nachfolger wurde zunächst vertretungsweise, ab 1948 dauerhaft Vosslers Schüler Franz Rauhut (1898-1988) berufen, dessen Karriere in den Jahren der Diktatur wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus immer wieder behindert worden war[15]. Sein Schwerpunkt lag vor allem auf dem Gebiet der französischen und italienischen Literatur. 1958 wurde am Würzburger Seminar ein zweiter Lehrstuhl eingerichtet, den als erster der Mediävist Joachim Storost (1905-1981) innehatte. Bereits seit 1949 war Hämels Schüler Albert Junker (*1908), dessen Interesse vor allem der italienischen und französischen Literatur galt, außerplanmäßig Professor am Seminar gewesen; er erhielt 1966 einen neu geschaffenen, dritten Lehrstuhl für romanische Literaturwissenschaft.

Ende der 60er Jahre und im Verlauf der 70er Jahre kam es zu einem umfassenden Generationenwechsel am Würzburger Seminar. 1967 trat der Sprachwissenschaftler Theodor Berchem (*1935) die Nachfolge Franz Rauhuts an; 1972 wurde der Literaturwissenschaftler Ernstpeter Ruhe (*1939) auf den Lehrstuhl II berufen; 1977 folgte Hugo Laitenberger (*1933) schließlich Albert Junker nach. Im Zuge der Aufteilung der Würzburger Philosophischen Fakultät in drei Fachbereiche wurde das Seminar 1975 – gut hundert Jahre nach Einrichtung des ersten Lehrstuhls – in „Institut für Romanische Philologie“ umbenannt. In der folgenden Zeit wurde die Würzburger Romanistik zunächst ausgebaut; seit Beginn des neuen Jahrhunderts ist sie jedoch trotz steigender Studentenzahlen von erheblichen Kürzungen betroffen gewesen: 1980 wurde eine weitere Professur für Literaturwissenschaft geschaffen, auf die Winfried Kreutzer (*1940) berufen wurde. Da Theodor Berchem von 1976 bis zu seiner Emeritierung 2003  Präsident der Universität Würzburg war, wurde sein Lehrstuhl von 1982 bis 2006 von Wilhelm Pötters (*1941) vertreten. 1993 erhielt Thorsten Greiner (*1942) eine Professur für Didaktik der romanischen Sprachen, die 2008 mit seiner Pensionierung in eine Ratstelle umgewandelt wurde. 1994 wurde eine „Fiebiger-Professur“ für Literaturwissenschaft eingerichtet, die Christof Weiand (*1954) bis 2000 innehatte und nach seiner Berufung an die Universität Heidelberg nicht wieder neu besetzt wurde. Als Nachfolger Hugo Laitenbergers wurde im Herbst 2000 Gerhard Penzkofer (*1950) auf den Lehrstuhl III berufen. Im Zuge der Sparmaßnahmen der bayerischen Staatsregierung wurde 2005 die Professur Winfried Kreutzers nach seiner Pensionierung gestrichen. Mit Ablauf des Wintersemester 2004/2005 wurde Ernstpeter Ruhe emeritiert; seit Wintersemester 2006/2007 hat Brigitte B u r r i c h t e r (*1958) den Lehrstuhl II inne. Im Sommer 2006 hat sich das Institut für Romanische Philologie nach über hundert Jahren Eigenständigkeit mit dem Institut für Anglistik und Amerikanistik zum Neuphilologischen Institut der Philosophischen Fakultät II zusammengeschlossen. Im Wintersemester 2007/2008 wurde Judith M e i n s c h a e f e r (* 1969) auf den Lehrstuhl I für Romanische Philologie berufen.

Robert Fajen

Würzburg, im August 2009



ANMERKUNGEN

[1] Dieser Abschnitt folgt im wesentlichen Adalbert Hämels ausführlicher Darstellung „Die romanische Philologie in Würzburg“, in: Max Buchner (Hrsg.), Aus der Vergangenheit der Universität Würzburg. Festschrift zum 350 jährigen Bestehen der Universität, Berlin 1932, S. 255-367.

[2] Vgl. Michael Nerlich, „Romanistik: Von der wissenschaftlichen Kriegsmaschine gegen Frankreich zur komparatistischen Konsolidierung der Frankreichforschung“, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte Bd. 20/1996, S. 396-436, S. 417.

[3] Heidelberg 1913; später wurde dieses Buch in seiner überarbeiteten Fassung berühmt unter dem Titel Frankreichs Kultur und Sprache. Geschichte der französischen Schriftsprache von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Heidelberg 1929.

[4] Halle 1936 (Beihefte zur Zeitschrift für Romanische Philologie 88). Ideologisch ist Kellermanns Arbeit nicht unproblematisch, steht sie doch in der Tradition des „volkspsychologischen“ Kulturvergleichs, wie das Vorwort deutlich macht (S. VIII).

[5] Frank-Rutger Hausmann, „Aus dem Reich der seelischen Hungersnot.“ Briefe und Dokumente zur Fachgeschichte der Romanistik im Dritten Reich, Würzburg 1993, S. 4. Zur Geschichte der deutschen Romanistik in der NS-Zeit vgl. insbesondere Frank-Rutger Hausmanns grundlegende Studie „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen.“ Deutsche Romanistik im „Dritten Reich“, Frankfurt a. M. 2000 (Analecta Romanica 61).

[6] Wertheim 1932.

[7] Lebensdaten ermittelt bei Renate Heuer (Hrsg.), Bibliographia Judaica. Verzeichnis jüdischer Autoren deutscher Sprache, München u. a. 1981-1996.

[8] Cuno Ch. Lehrmann, „Heine – ein deutscher, französischer oder jüdischer Dichter?“, in: „Udim.“ Zeitschrift der Rabbinerkonferenz in der Bundesrepublik Deutschland Bd. 1/1970, S. 1-20, S. 2.

[9] Vgl. dazu Hausmann, „Aus dem Reich der seelischen Hungersnot“, S. 14f.

[10] Vgl. Helmut Heiber, Universität unterm Hakenkreuz, Teil II, 2: Die Kapitulation der Hohen Schulen. München u. a. 1994, S. 189 (zu Würzburg insgesamt: S. 175-189), sowie Hausmann, „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen“, S. 136-138.

[11] Vgl. Hausmann, „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen“, S. 136/64.

[12] Vgl. Heiber, Universität unterm Hakenkreuz, S. 189, sowie Hausmann, „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen“, S. 136f.

[13] Zu Hämels Parteigehörigkeit als Grund für den Entzug seines Lehrstuhls vgl. Arthur Franz’ Memoiren Mein Leben in der Sicht des achtzigsten Jahres. Ein Beitrag zur Romanistik des zwanzigsten Jahrhunderts, München 1963, S. 201. Zur Entnazifizierung an den bayerischen Universitäten vgl. ferner Lutz Niethammer, Entnazifizierung in Bayern. Säuberung und Rehabilitierung unter amerikanischer Besatzung, Frankfurt a. M. 1972, S. 186f.

[14] Vgl. Hausmann, „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen“, S. 136f.; Schneider zufolge gehörte Hämel sogar dem Canaris-Kreis an.

[15] Vgl. Hausmann, „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen“, S. 134-136.